Hier sitze ich, mit zwei Flüchtlingen aus Maschhad

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Written by Mati Shemoelof 12.05.2014

Translated by Felix Papenhagen

Im iranischen Exilsparlament, das wir im Café Kotti eröffnet haben, schaue ich auf meine neuen Freunde und frage mich wie die Bürger die Mauern einreißen können, welche die Politiker in Abwesenheit von Fantasie, Vision, Mut und einfacher Menschenliebe aufgebaut haben? Das ist keine theoretische Diskussion, von uns ist die Rede

An einem der besonderen Abende die ich in Berlin verbracht habe sprang ich über die Mauern zwischen Israel und Iran und eröffnete ein Exilsparlament mit zwei Maschhad-Iranern und zwei weiteren Exilanten. Wir saßen im Café Kotti (vergleichbar mit dem Café Albi in Tel Aviv), wo vielerlei Migranten aus dem Nahen Osten und aus anderen Ländern in Vermischung mit den West- und Ostdeutschen sitzen. Die Decke ist mit kindlichen Zeichnungen bemalt, die Musik reicht von Salsa zu arabischer und Rockmusik. Der ganze Ort ist voller Rauch, die Sessel sind rot und die Atmosphäre ist höchst gemeinschaftlich und man kann mit jedem der möchte ein Gespräch anfangen

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Ich stellte mich als jüdisch-iranischen Flüchtling vor, nicht auf die zynische Weise in der Israel von der jüdisch-arabischen Flucht Gebrauch macht, um den palästinensischen Flüchtlingen ihre Rechte abzusprechen. Ich erzählte, dass ich mich bis heute nicht vor dem Grab der Eltern meines Großvaters niederwerfen kann, das sich in Maschhad befindet. Ich bin kein Romantiker, mein Großvater floh aus Maschhad aufgrund des muslimischen Fundamentalismus. Gleichzeitig war auch die andere Seite nicht wirklich friedenswillig. Die Zionisten machten mit ihren Kriegen in allen arabischen Ländern weiter, während der Besetzung Palästinas und bis in unsere Zeit, in der Benjamin Netanjahu zu Friedensverhandlungen geht, nicht um Frieden zu erreichen, sondern um die Zeit zu verlängern bis die republikanische Partei wieder an die Regierung kommt

Also hier sitze ich, mit zwei Flüchtlingen aus Maschhad. Einer mit langen Haaren, er erinnert mich an mich vor zehn Jahren, und der Zweite mit kurzen Haaren. Der Eine ist von Deutschland sehr frustriert, er wohnt bei Freunden, und machte keinen Integrationsprozess in die deutsche Gesellschaft durch. Der Zweite gab sein gesellschaftliches Leben auf, lernte von morgens bis abends Deutsch und ist an der Universität eingeschrieben. Der Eine steht Deutschland äußerst kritisch gegenüber und der Haltung zu Flüchtlingen, Migranten und Asylsuchenden. Der Zweite ist zurückhaltender. Er versucht seinem iranischen Bruder so gut wie möglich zu helfen. Wir beginnen das Gespräch und bestellen einer dem anderen Bier, ich erzählte warum ich das Heilige Land verlassen habe. Die Geschichte von ihnen ist viel schwieriger als meine. Der Bruder des Frustrierteren wurde von der Regierung umgebracht. Sie können nicht in den Iran zurückkehren, weil sie die Polizei verfolgt. Sie sind wie ich Sozialaktivisten, aber in Israel bin ich noch keine gesuchte Person aufgrund meiner Aktivitäten

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Vor eineinhalb Jahren wurde ich zu einem Übersetzungsworkshop nach Berlin eingeladen und ich wurde der Stadt mit vielen ihrer Aspekte ausgesetzt, das sind die protestierenden (ich nahm an der Demonstration von Iranern und Juden gegen die Aufrüstung des Nahen Ostens teil), das sind die künstlerischen (als ich zur Biennale eilte) und das sind die jüdisch-israelischen (ich lernte die Exilsgemeinde kennen). Der Keim des Argen drang in meinen Blutkreislauf. Ich gebe zu, dass ich mir bei meinem zweiten Ankommen in der Stadt zum Ziel setzte, nicht auf dieselben Wege zu geraten auf denen ich in der Vergangenheit in Israel tätig war, obgleich ich die lokalen Aktivisten kenne und sogar zu den Vorträgen ging, um von den Entwicklungen aus der Perspektive des lokalen Aktivismus zu hören. Ich höre, interessiere mich und bin sehr neugierig. Ich war im Flüchtlingslager der Stadt, das in einer Schule errichtet wurde. Dort gibt es Flüchtlinge und Asylsuchende. Ich lernte von den Einwanderungsgesetzen und höre besonders die Geschichten von denen die meinen Weg kreuzen und arbeite sie zu Erzählungen um

Das ist witzig, auch hier gibt es das weiße Tel Aviv und das schwarze Tel Aviv, obgleich alle im selben „Café“ sitzen, so als ob keiner weit vom anderen weit wäre. Es gibt jene die einen europäischen Pass haben, die europäische Erinnerung, die europäische Identifikation, das Weiss-Sein, die europäische Geschichte und es gibt jene, die dies nicht haben. Sie werden in Europa sofort mit der dunklen Seite identifiziert, als Bedrohung für den Wohlstand, der Macht. Sie erinnern an die ungerechte Verteilung der Ressourcen, an den politisch Anderen, selbst an die (jüdisch-arabischen) Theologen. Aber einer der sich seiner Geschichte bewusst ist, trägt sie stolz an jedem Ort

Der Grund für die fröhliche Zusammenkunft im Café Kotti ist die Abreise einer unserer Freundinnen zurück nach Israel. Ich schaue auf die zwei iranischen Freunde von mir und auf meine Eltern und auf die Eltern meiner Freunde und Freundinnen die nach Israel gekommen sind. Welche Möglichkeit wähle ich: Ob ich Deutsch lerne und mich assimiliere und vergesse? Ob ich frustriert werde und die lokale Gesellschaft kritisiere und die aus der ich kam und mit aller Kraft meine Sprache bewahre? Die zweite Generation von Orientalen in Israel hat eine Assimilation erfahren deren Zeichen wir bis heute spüren. Alle Namen wurden hebraisiert, all die Traditionen die ausgelöscht wurden, die Wunde tut noch immer weh. Aber die dritte Generation von Orientalen akzeptierte die Assimilation und das Vergessen nicht und baut von Neuem ihre Erinnerung, ihre Sprache und ihre Musik. Nicht zufällig kehrten Dikla, Ravid Kahalani, Dudu Tassa, Neta Elkayam und andere zum Singen in der ursprünglichen Sprachen ihrer Eltern zurück

Im Film Forget Bagdad fuhr ein irakisch-schweizerischer Regisseur, der Geschichten von seinem Vater über irakische Juden gehört hatte, nach Israel und traf die Schriftsteller Sami Michael, Shimon Ballas, Samir Naqqash und andere. Alle sprechen Arabisch im Film und erklären ihre Beziehung zur Einwanderung nach Israel. Sami Michael ging leichter dazu über auf Hebräisch zu schreiben. Shimon Ballas spürte die Rache der arabischen Worte beim Übergang Hebräisch zu schreiben. Nur Samir Naqqash hat den Wechsel zu Hebräisch nicht akzeptiert. Er verblieb dabei in irakischem Dialekt der irakischen Juden zu schreiben. Sein Leiden war eine schweres und sogar in seinem fortgeschrittenen Alter ist er nach Manchester ins Exil gegangen. Durch ihn wurde die besondere Sprache bewahrt und er hat sogar Anerkennung vom bekannten ägyptischen Schriftsteller, dem Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfuz bekommen

Bei meinem Besuch der Schule die zu einem Obdach für die nordafrikanischen Migranten in Kreuzberg wurde, sah ich große Desillusion. Und als ich mit zwei nordafrikanischen Migranten sprach, erzählten sie mir auch von zahlreichen Problemen, von Alkoholismus und Drogen. Die Schwierigkeit liegt natürlich nicht bei den Exilanten selbst und die Möglichkeiten die sie wählen (obgleich die Rechte es liebt den gesamten Prozess als persönlichen darzustellen). Das Problem liegt im Bau der Gesellschaft. Ob die lokale Gesellschaft die neuen Migranten in sich aufnehmen möchte? Auf der einen Seite wurde Deutschland, laut UNHCR-Report 2013, in Bezug auf die Aufnahme von Migranten das erste Mal seit den neunziger Jahren das bevorzugte Land für politisches Asyl in der Welt. Auf der anderen Seite, gibt es viele Schwierigkteiten, Hindernisse und Selektionen auf dem Weg

Bei der Rückkehr ins iranische Exilsparlament das wir im Café Kotti eröffneten, schaue ich auf meine neuen Freunde und frage mich, wie die Bürger die Mauern einreißen können, welche die Politiker in Abwesenheit von Fantasie, Vision, Mut und einfacher Menschenliebe gebaut haben? Das ist hier keine theoretische Diskussion, von uns ist die Rede. Es geht um die Bürger des Nahen Ostens, der sich zu Tode blutet, den der Westen von morgens bis abends aufrüstet und in dem die Bürger wieder an die Regierung kommen müssen. Wenn wir uns zusammensetzen könnten, uns kennenlernen, reden, würden die Mauern fallen und vielleicht bräuchten wir kein Exilieren, Migrieren entfernt vom Frühling im gefrorenen deutschen Schnee. Aber wenn wir schon exiliert sind, wie können wir die Mauern zwischen uns und der lokalen Gesellschaft einreißen? Warum sollten wir eine andere Behandlung bekommen? Sind wir keine anderen Menschen als die Deutschen oder die Europäer? Wollten wir alles was wir kannten in den Herkunftsländern verlassen? Wie bauen wir eine menschliche Gesellschaft in der alle Menschen gleichwertig sind? Ist sie möglich?

***

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Wovor fliehst du? Das ist die zentrale Frage die mir von Israelis gestellt wurde (insbesondere von Juden), seitdem ich nach Berlin gegangen bin? Ich versuchte mit ganzer Kraft nicht zu sagen, dass ich ein Migrant bin. Warum sollte ich migrieren? Ich habe eine Familie, Liebe, Freunde, Sprache, Kultur und Bücher die geplant sind demnächst in diesem Jahr zu erscheinen. Und trotzdem bin ich hier, tausende Kilometer von dort wo ich aufgewachsen bin, ein Mieter in Neukölln.

Der Herbst war am angenehmsten. Zehntausende Blätter in allen Farben welche die Gehwege bedeckten, lange Sonnenuntergänge, der Turm vom Alexanderplatz zwischen den zwei Gibraltar-Säulen der Karl-Marx-Allee im Osten, erstaunlich in seiner Schönheit. Zweimal in der Woche fuhr ich in diese Richtung und fühlte mich frei. Rufend „ich bin frei“. Und immer kam das Echo zurück „du bist frei“ und dann dachte ich an die Worte unseres Meisters Berry Sakharof „wir sind alle frei, aber von was Gott, von was?“ (Das Lied „Avadim“ [Sklaven] vom Album „Negiot“ [Berührungen] 1998)

Am Anfang suchten sie mir zu verstehen zu geben, nicht über Israel zu sprechen: „Wozu schreiben, was bei uns passiert, schreibe über gute Sachen bei ihnen.“ Sie brachten mich zum Lachen. Wirklich. Als ob ich vollkommen in Deutschland sein könnte und als ob ich meine 41 Jahre in Israel vergessen könnte. Ich versuchte zu erklären, dass ich kein Migrant sei. Aber auch wenn ich ein Migrant sein würde, wäre ich immer gespalten. Auf der einen Seite mit der Erinnerung des Aufwachsens in Israel und auf der anderen Seite vor Ort zu sein, in der neuen Kultur, Sprache und den Gepflogenheiten

Ich bin kein Migrant aber das Hoch durch die Trennung von Israel war hoch, ich ging auf viele Parties, Konzerte, lernte so viel wie möglich Leute kennen, verstreute mich über die Stadt. In der Nacht fuhr ich lange Strecken, um betrunken in meinem Zuhause anzukommen. Die ersten drei Monate meiner Liebesgeschichte mit Berlin waren ordentlich wild. Aber wie in allen Beziehungen hat jedes Hoch ein Tief, das wartet. Und nach einer Zeit Berlin und ich haben wir begonnen über das Was und Wie zu reden. „Wieviel Zeit gibst du mir?“ Habe ich sie gefragt? „Wieviel willst du?“ antwortete sie schnell. „Zwei Jahre“ dachte ich bei mir, oder weniger. „Nimm dir alle Zeit der Welt aber mach dir klar, dass es hier keine Verpflichtung gibt und ich hier Raum brauche“ antwortete sie und promiskuierte mit anderen Migrantinnen

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Ich bin kein Migrant, aber der Schnee begann vom Himmel zu tropfen gleich einer Schnupfnase, das Eis vereiste die Gehsteige, der Schmutz wurde vom Weiß bedeckt, das langsam schwarz wurde. Mein Freund Ofri Ilany hat über fünfzig Varianten des Schnees geschrieben und wirklich habe ich begonnen Schnee auf verschiedene Weisen zu begreifen. Den Schnee der Gehsteige, den des gefrorenen Herzens zwischen Menschen, deren Ellbogen zu hartem Eis gefroren sind, den Schnee der Straßen, der Schnee der Busse, der Schnee der die Fahrräder bedeckt, den Schnee der anderen Migranten, die langsam zu Deutschen werden usw.

Ich bin kein Migrant, aber mit dem schweren Winter kamen die Sehnsüchte, der Wille am natürlichen Ort zu sein, vom Slang umgeben zu sein, von der Erneuerung der Wörter, mit Leuten die dich verstehen. Also anstatt jedes Mal nach Israel zurückzufahren wenn sich das Herz sehnt, umgab ich mich mit israelischen Freunden und wir haben einen Salon in dem wir mindestens einmal in der Woche sitzen und auf Hebräisch diskutieren. Aber die Sehsucht war viel größer als mein Vermögen sie zu befriedigen.

Ich bin kein Migrant, aber ich bin ein Herzensmigrant, vom Willen zum Exil und gesellschaftlicher Veränderung. Denn ich bin schon kein Sozial-, Politaktivist mehr. Management, Redaktionstreffen und Guerilla-Kultur ging auf die Dichterin und Aktivistin Ayala Felner Hananel über, die Sparte der Dichtung der Zeitschrift Basta die ich redigierte, ist zur Redakteurin und Dichterin Adi Keissar übergegangen. Und mir sind nur die Worte geblieben. Sie sind die einzigen die mich versöhnen. In den vier Monaten in denen ich im Land der Hunnen bin, schrieb ich zehntausende Worte. Aber die Ängste sind schwer und groß, die Einsamkeit riesig und kein Ort an dem ich mich zu Hause fühlen werde

Ich bin kein Migrant, aber auch zu Hause mit Bennett, Lapid, Liebermann und Netanjahu ist kein Zuhause. Und ich stecke dazwischen und was dem Herzen übrigbleibt ist das Migrieren in die Herzen anderer Migranten und Migrantinnen. Und ganz Südeuropa ist hier (Griechen, Italiener und Spanier) das arabische Exil (Iraner, Palästinenser, Libanesen, Türken, Nordafrikaner) und aus allen Gegenden der Welt kommen mehr und mehr. Eine Seele erhebende Erfahrung, im Zentrum des Ozeans riesiger Einwandererwellen zu sein

Das Herz sagt, das jeder Mensch von dem Moment aus welchem er aus der Gebärmutter seiner Mutter kommt ein Migrant ist. Und Gott sagt, dass wir alle Migranten sind, von dem Moment in welchem wir aus dem Garten Eden vertrieben wurden. Und ich sage zu mir, mach die Musik im Handy lauter, wenn Aviv Guedj schreit „Wenn das die Erlösung sein soll, dann lieber Exil“… („Kinder von Migranten“ 2013)

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***

Ich frage weniger Fragen

gebe mich mehr dem Berlinjazz hin

der aus verschiedenen Exilsgemeinden kommt,

in der Nacht klettere ich zu den Frauenfenstern

Morgens bei der Erwerbsarbeit

und am Schabbat mit den heiligen Worten

spreche ich mit mir auf Hebräisch, ohne Land

spreche zu anderen in Andersartigkeit, ohne Land

und ausgeschlossen von den Erinnerungsgebeten für meinen Vater

und an ihn erinnert, bei jedem meiner Worte

ich weiß nicht woher ich kam und wohin ich gehe

aber auch die Fremdheit hat einen Geburtsmoment

und ich werde erwachen mit Armen

mit langen Gliedmaßen

mit Erinnerungen

als ich ein Kind war.

(From: Mati Shemoelof, “Last tango in Berlin”, Booxilla, 2014)

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משורר, עורך וסופר. A Writer

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