Gedichte

Gedichte

Eine neue Art Freundschaft

Er ist befreundet mit allen Redakteurinnen

aller Zeitungen

mit allen Autoren und sogar ein paar wichtigen Künstlern

von den Musikern ganz zu schweigen, er arbeitet in einem Verlag,

setzt sich, will schreiben, legt auf, nimmt ab, legt auf, nimmt ab

droht per SMS sich umzubringen

beschließt mich anzurufen

und weiß nicht mal dass ein Dichter sich in fast jedem Gedicht umbringt

ich sage nichts, höre nur zu,

bist du mein Freund, fragt er

ja, antworte ich obwohl ich ihn schon ein halbes Jahr lang nicht gesehen habe

also was, fragt er, ist der Sinn des Lebens.

Aus dem Hebräischen von Mirko BonnéVERSschmuggel Israel Hebräisch-DeutschLiteraturwerkstatt Berlin April 2012

Wieso ich keine israelischen Liebesgedichte schreibe

Erst gebt mir die Geschichte zurück

und danach die Lehrbücher

und sagt mir nicht mein Gedicht sei ein politisches Manifest

weil ihr von Unrecht keinen Schimmer habt, hier ein kleiner Hinweis

ich verlange Entschädigung von der israelischen Zentralbank

für die Palästinenser, für die arabischen Juden, für die Frauen,

für die Schwulen und die Lesben,

für jede Herabwürdigung, jedes Durchgangslager, jedes militärische

Sperrgebiet, jede Vertuschung und Bestechung

ich verlange dass ihr den Safe der Dichtung öffnet

alles Land zurückgebt an die denen ihr es nahmt und sie entschädigt

für die Schrecken der Besatzung

ich werde vor der Bank warten, vor den Fenstern der Nationalversicherung

unter den Karossen des Finanzministeriums

bis ihr den ganzen veredelten Rassismus angemessen entschädigt

erst wenn die Kinder meiner entschädigten Kinder auf der Uni sind, gleichberechtigt

ohne Demütigung, erst dann werde ich bereit sein israelische Liebesgedichte

zu schreiben

***

Die Armut ist Fleisch von deinem Fleische

Die Armut ist Fleisch von deinem Fleische

Nicht Hausherr zu sein, ohne inneren Rückzugsraum zu sein, heißt nicht fähig zu sein,

eine wirkliche Beziehung zum Mitmenschen zu unterhalten, ein Fremder zu sein,

dir selbst und dem Anderen.  Emmanuel Levinas

Meine Tochter, du bist die Hoffnung meines Sohnes

lern von deiner Mutter die Klugheit des leeren Uterus

der vom Mond erfüllt wird und dafür fordert nichts, nie

als Schöpfungsministerin wisse um zornige Melancholie

entschärf die Männlichkeit des verirrten Geschosses

kleid ihn in die Uniform einer „Frau“

bereite sein Grab

bereite dein Grab genau

im Park, im Ort, im Luftschutzraum, am Kontrollposten

der Poesie, oder öffne den Thoraschrein der Synagoge

und reiß auf die Erde.

***

Fahrt in einem Geisterzug

Kakteen verwaister Dörfer
und ich bin verliebt in blaue Augen
irakischer Erde.

Mein Freund hat uns verlassen

er erfreut sich ashkenasischen Bewusstseins

sucht weiter sich zu assimilieren, feiner Assimilierter

sie werden ihn nie aufnehmen ins Wachsfiguren-

kabinett, die Gedenkstätte mäuschenstillen Garnichtsdenkens

ein Stück trockener Pomelloschale das glaubt es sei

die Akademie, aber leer zurückgelassen wurde, längst geflohen

sind die Führer der Haganah mit

dem Kapital nachbarschaftsloser Euro-Identität.

Ashkenasen mit Kofferbewusstsein

verschwanden im Flieger des Armeesenders und dazu lief religiöse Musik, froh

endlich den Namen des Herrn sagen zu können gepriesen sei er

Allah Hu Akbar, im Viertel

blieben nur Liebhaber trauriger

Komödien von Charlie

Busaglo Chaplin Abu Snena Aristophanes aus Ramallah.

Sie erwartete mich im Brautkleid

und ich begriff die Irakerin mit blauen Augen o la la

war nicht mehr die meine, ich näherte mich Palästina

und verzichtete auf das Ego.

***

Gaza II – eine andere Art Intifada

Der Oberbefehlshaber der Raketen schickte nach Tel Aviv

und in Rechavia die Gesuchten liquidieren ließ

der General der Gefillte Fisch aß und Ashkenasen folterte

in den Kellern des Schabak in Ramat Aviv

die Oma die sich in die Luft sprengte am Kontrollposten in Herzliah

die Belagerung Savions, die Einkesselung Kfar Schmaryahus

die Bannmeile um das Literaturcafé irgendwo

aufgebrachtes Weiß hinter der Mauer.

***

Und das ist kein Zitat, es ist ein Brandmal an meinem Hals

Es wird Zeit zu sagen dass die Unterdrückung nicht aufgehört hat

die Erde ist nicht mittel-östlich

der Zorn will ein analphabetisches Gedicht schreiben

schwarz aus weißen Höhlen heraus

Wörter werden zerrissen im Gefängnis

erhebt euch, rottet euch zum Aufstand wider die Sprache zusammen

wir haben uns erhoben

zwischen Trümmern rassistischer Buchstaben die uns umstellten

in vokalzeichenlosen Durchgangslagern

wir sind Sklave und Sklavin von Homer und Bialik

lesen östlich, gegen eine, jenseits einer Art

d r i t t e m W e g d e r P o e s i e
***

Mein toter Vater

Die Briefmarken sammelten die letzten Tage

meines Vaters in Ländern die

er nie bereiste,

er legte sie in die Wasserschale seiner Seele

und löste sie vom Umschlag der Vernachlässigung

in den Arbeitervierteln der Stadt Haifa,

die Krakenarme staatlicher Behörden

aber gaben die Marke nicht frei

und als Kainsmal blieb die schwarze

Tinte.

Aus dem Hebräischen von Mirko Bonné VERSschmuggel Israel Hebräisch-Deutsch Literaturwerkstatt Berlin April 2012
***

Ungeschriebenes Lied für einen ungeborenen Sohn

Mein Sohn

Beziehungen rinnen mir

durch die Hände wie Sand

Mein Sohn

vergib mir nicht

dass ich mich der Sanftmut der Worte verschrieb

Mein Sohn

nimm mich fest in den Arm

auch wenn ich trunken bin

Mein Sohn

wir kennen uns nicht

dennoch fürchte ich, du könntest sterben vor mir

Mein Vater

warum träume ich, du führest weg und tötetest dich

wo bist du unter all meinen Versen des Nachts

wenn ich angsterfüllt erwache

(aus dem Hebräischen von Helene Seidler)

**

Die Worte des Verlassens

Das Gedicht wird bald anfangen zu fallen

denn

ich habe das Dasein auf Pfand aufgegeben

um in Berlin ein neues Leben zu finden

Englisch sprach ich gebrochen, fünf Schekel für einen Euro

die jüdische Leitung hab ich geschlossen

Abschied genommen von Mutter

von meinen Büchern

von der Liebe meines Lebens, den Buchstaben

meinen Freunden

(aus dem Hebräischen von Helene Seidler)

Hebräischen von Helene Seidle

Here is the poem in three translations

 ***

Ich frage weniger Fragen

gebe mich mehr dem Berlinjazz hin

der aus verschiedenen Exilsgemeinden kommt,

in der Nacht klettere ich zu den Frauenfenstern

Morgens bei der Erwerbsarbeit

und am Schabbat mit den heiligen Worten

spreche ich mit mir auf Hebräisch, ohne Land

spreche zu anderen in Andersartigkeit, ohne Land

und ausgeschlossen von den Erinnerungsgebeten für meinen Vater

und an ihn erinnert, bei jedem meiner Worte

ich weiß nicht woher ich kam und wohin ich gehe

aber auch die Fremdheit hat einen Geburtsmoment

und ich werde erwachen mit Armen

mit langen Gliedmaßen

mit Erinnerungen

als ich ein Kind war.

(Last tango in Berlin, Booxilla, 2014)

***

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Märchenland – Die beteiligten Autoren setzten sich mit den Märchen der Gebrüder Grimm auseinander, brachten ihre prosaische Form auf eine lyrische Ebene und begaben sich in die mitunter ambivalenten Bereiche des kulturellen Gedächtnisses in Deutschland und Israel

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